Stefan Ramoser vom Fliederhof, freier Weinbauer in St. Magdalena, Südtirol – FNWNS

Fünf Prozent: Warum unsere Winzer die Ausnahme sind

Es gibt eine Zahl, die unser gesamtes Sortiment erklärt: Rund fünf Prozent der Südtiroler Weinmenge stammt von sogenannten freien Weinbauern. Der Rest kommt von Genossenschaften und größeren Weingütern. Wer bei uns kauft, kauft praktisch immer aus diesen fünf Prozent.

Diese und andere Zahlen nannte Eduard Bernhart, Direktor des Konsortiums Südtirol Wein, kürzlich im Podcast „Auf ein Glas" von Ulrich van Stipriaan. Das Gespräch lohnt sich, weil es die Region einmal von der Struktur her erklärt statt vom Etikett.

Wie Südtirols Weinbau tatsächlich organisiert ist

Südtirol hat rund 5.800 Hektar Rebfläche – wenig, gemessen an anderen europäischen Regionen. Ungewöhnlich ist die Kleinteiligkeit: Im Durchschnitt bewirtschaftet ein Weinbauer etwa einen Hektar. Viele Betriebe sind Mischbetriebe und bauen daneben Äpfel oder andere Kulturen an.

Die Mengen verteilen sich so:

  • rund 70 % von zwölf Kellereigenossenschaften
  • rund 25 % von privaten Weingütern
  • rund 5 % von freien Weinbauern

Freie Weinbauern bewirtschaften ausschließlich eigene Flächen, kaufen keine Trauben zu und übernehmen Anbau, Vinifikation und Vermarktung selbst. Vom Rebschnitt bis zum Versand liegt alles in einer Hand – meist in der einer Familie.

Die Genossenschaften haben in Südtirol übrigens eine lange Tradition: Die erste entstand 1893 in Andrian, zeitweise gab es 33, durch Zusammenschlüsse sind heute zwölf übrig. Bernhart sieht in der Vielfalt der Strukturen ausdrücklich einen Vorteil – Genossenschaften, Weingüter und freie Weinbauern stehen im Wettbewerb und spornen sich gegenseitig an.

Wir teilen diese Sicht. Genossenschaften machen exzellente Weine, oft zu bemerkenswerten Preisen. Unser Schwerpunkt liegt trotzdem bei den kleinen Erzeugern – nicht, weil die anderen schlechter wären, sondern weil dort jede Flasche eine Handschrift trägt und man den Menschen dahinter kennen kann.

Neu: 86 Einzellagen

Die größte strukturelle Neuerung der letzten Jahre bekommen die meisten Weintrinker gerade erst mit: Seit 2024 dürfen in Südtirol Lagenweine erzeugt werden. Definiert wurden dafür 86 Einzellagen.

Der Weg dorthin dauerte über ein Jahrzehnt: Historische Kataster wurden ausgewertet, geologische Profile erstellt, Winzer und Önologen beteiligt. 2019 ging das System ans italienische Ministerium, 2024 kam die Genehmigung.

Eine Lagenbezeichnung ist an strengere Regeln gebunden: Die Erträge müssen gegenüber der normalen DOC-Höchstmenge um bis zu 25 Prozent reduziert werden, und je Lage sind maximal fünf Rebsorten zugelassen. Erkennbar sind die Weine an einem eigenen Logo – einer Traube im Tropfen. Im ersten Jahr wurden sechs Prozent der Gesamtmenge als Lagenwein erzeugt, 2025 waren es acht.

Der Gedanke dahinter ist derselbe, den wir bei Einzelweinen seit jeher spannend finden: Nicht die Sorte allein macht den Wein, sondern der Ort. Wie stark das wirkt, lässt sich am Voglar von Peter Dipoli nachschmecken – einem Wein aus zwei hervorragenden Lagen oberhalb von Kurtatsch, die schon lange vor der offiziellen Regelung ein Begriff waren.

Warum der Ort so viel ausmacht

Südtirol liegt an der Schnittstelle mehrerer geologischer Formationen. Rund um Bozen dominiert der rötliche Bozner Quarzporphyr, ein altes vulkanisches Gestein. Wenige Kilometer entfernt liegt der Mendelkamm mit Dolomitgesteinen, im Vinschgau herrschen ostalpine Schieferformationen vor. Die letzte Eiszeit formte vor rund 20.000 Jahren die heutigen Täler und hinterließ an den Hängen Moränenböden.

Dazu kommt die Höhe: Die Weinberge liegen zwischen etwa 200 und 1.000 Metern, meist an den Hängen – die Talböden gehören vielerorts den Apfelplantagen. Mehr als 20 Rebsorten sind im DOC zugelassen, mit dem Ziel, die richtige Sorte an den richtigen Ort zu setzen statt eine Sorte flächendeckend anzubauen.

Und die Berge sind mehr als Kulisse: Fallwinde sorgen nachts für Luftaustausch, es entstehen große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. Genau das erhält die Frische in den Trauben – der Grund, warum Südtiroler Weine auch in heißen Jahren ihre Spannung behalten.

Eine Rehabilitierung des Vernatsch

Der für uns erfreulichste Teil des Gesprächs betrifft eine Rebsorte, die lange als überholt galt. Noch vor wenigen Jahrzehnten war Südtirol Rotwein- und Vernatschland; große Mengen gingen nach Österreich, in die Schweiz und nach Deutschland. Heute sind rund 65 Prozent der Südtiroler Weine weiß, die Vernatsch-Flächen sind deutlich geschrumpft.

Bernhart will den Vernatsch aber nicht als Relikt verstanden wissen – im Gegenteil. Er hält ihn für einen ausgesprochen zeitgemäßen Wein: leicht, elegant, mit gutem Trinkfluss und gekühlt besonders überzeugend. Vielseitig obendrein – er passt zur Speckplatte ebenso wie zu Knödeln und Schlutzkrapfen, aber auch zu Hühnchen oder gegrilltem Fisch. Und er kann reifen: Ältere Jahrgänge zeigen deutlich mehr Alterungspotenzial, als das Image der Sorte vermuten lässt.

Das deckt sich mit unserer Erfahrung. Ein St. Magdalener vom Fliederhof oder ein Kalterersee von Andi Sölva ist kein Verlegenheitswein, sondern eine der intelligentesten Möglichkeiten, im Herbst Rotwein zu trinken – etwa beim Törggelen.

Der Direktor mit dem eigenen Weinberg

Eine Beobachtung am Rande, die viel über die Region sagt: Bernhart, seit August 2018 Direktor des Konsortiums, bewirtschaftet selbst einen halben Hektar Weinberg – auf 1.000 Metern Höhe im oberen Vinschgau. 2016 kaufte er die Fläche, 2018 pflanzte er Riesling und Blauburgunder, 2021 wurde erstmals vinifiziert.

Er nennt es selbst eine vielleicht naive Entscheidung. Der praktische Nutzen ist trotzdem offensichtlich: Wer selbst einen Weinberg bestockt hat, lässt sich über Wein nicht so leicht etwas erzählen.

Sein Wunsch für die Region in zehn Jahren fällt entsprechend kurz aus: „Südtirol ist eine Garantie. Man kann nur gut trinken."

Häufige Fragen

Was ist ein freier Weinbauer in Südtirol?

Ein Betrieb, der ausschließlich eigene Rebflächen bewirtschaftet, keine Trauben zukauft und Anbau, Vinifikation und Vermarktung selbst übernimmt. Freie Weinbauern erzeugen rund fünf Prozent der Südtiroler Weinmenge.

Wie groß ist die Weinbaufläche in Südtirol?

Rund 5.800 Hektar, gelegen zwischen etwa 200 und 1.000 Metern Höhe. Im Schnitt bewirtschaftet ein Weinbauer nur etwa einen Hektar.

Was sind Südtiroler Lagenweine?

Seit 2024 zulässige Weine aus einer von 86 definierten Einzellagen. Die Erträge sind gegenüber der DOC um bis zu 25 Prozent reduziert, je Lage sind maximal fünf Rebsorten zugelassen. Erkennbar am Logo einer Traube im Tropfen.

Ist Südtirol eher Weiß- oder Rotweinland?

Heute Weißweinland: Rund 65 Prozent der Weine sind weiß. Historisch war die Region dagegen von Rotwein, vor allem von Vernatsch, geprägt.

Ist Vernatsch noch zeitgemäß?

Ja – leicht, elegant, mit gutem Trinkfluss und gekühlt besonders überzeugend. Er passt zu Speck und Knödeln ebenso wie zu Hühnchen oder gegrilltem Fisch und besitzt mehr Alterungspotenzial, als sein Image vermuten lässt.

Quelle: Eduard Bernhart im Podcast „Auf ein Glas" (Folge 181) von Ulrich van Stipriaan, veröffentlicht am 11. September 2026 bei DieSachsen.de.

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