Als Weinhändler über Alkohol und Gesundheit zu schreiben, ist heikel – wir haben ein wirtschaftliches Interesse daran, dass Sie Wein kaufen. Deshalb vorweg in aller Deutlichkeit: Wir machen keine gesundheitsbezogenen Aussagen über Wein. Alkohol ist ein Zellgift, birgt Risiken und ist für manche Menschen gefährlich. Punkt.
Genau deshalb ist ein Interview interessant, das Falstaff im August 2026 mit Dr. Laura Catena geführt hat. Denn sie sagt Dinge, die man von einer Winzerin selten hört.
Wer Laura Catena ist
Laura Catena ist Ärztin, Biologin und Winzerin in vierter Generation. 27 Jahre lang arbeitete sie als Notärztin in Kalifornien; heute leitet sie die Bodega Catena Zapata in Argentinien und gründete das Catena Institute of Wine. Diese Doppelrolle macht sie zu einer der wenigen Stimmen, die beide Seiten der Debatte von innen kennen.
Der bemerkenswerteste Satz des Interviews
Catena benennt ihren eigenen Interessenkonflikt – unaufgefordert. Als Winzerin, sagt sie, stehe sie beim Thema Wein und Gesundheit in einem Konflikt; sie weise stets darauf hin und stütze ihre Aussagen auf die Forschung anderer Wissenschaftler.
Das ist der eigentliche Maßstab, an dem man solche Beiträge messen sollte: Wer profitiert von der Aussage, und sagt er es dazu?
Ebenso ungewöhnlich ist ihre Kritik nach innen. Sie habe Menschen in der Alkoholbranche kennengelernt, die die Schäden durch übermäßigen Konsum unterschätzen. Die Branche müsse deutlich mehr tun, um Maßhalten zu fördern – und Menschen ermutigen, ihren Konsum zu drosseln oder ganz aufzuhören, wenn sie damit Schwierigkeiten haben. Auch dem „Dry January“ kann sie einiges abgewinnen.
Vier Punkte, die sie richtigstellt
Die J-Kurve ist ein schwacher Beleg. Sie zeigt sich zwar in praktisch jeder großen Beobachtungsstudie – aber Catena selbst betont, dass solche Daten weniger belastbar sind als randomisierte Studien und Faktoren wie der sozioökonomische Status sich nie ganz ausschließen lassen.
Wein ist nicht sicherer als Spirituosen. Entscheidend sei nicht das Getränk, sondern der maßvolle Genuss zum Essen. Dass Weintrinker in Studien besser abschneiden, führt sie darauf zurück, dass sie eher zu den Mahlzeiten trinken.
„Ein bis zwei Gläser täglich“ ist nicht dasselbe wie „eine Flasche am Wochenende“. Wer unter der Woche verzichtet, um am Wochenende umso mehr zu trinken, liegt falsch.
Alkohol und Tabak sind bei geringem Konsum nicht gleichzusetzen. Bei Tabak gebe es keine J-Kurve – schon eine Zigarette täglich erhöhe nachweislich das Risiko. Bei starkem Konsum hingegen sei der Vergleich durchaus zulässig.
Was dagegen spricht – der Vollständigkeit halber
Es gehört zur Fairness, die Gegenposition zu nennen, denn sie ist gewichtig. Die Weltgesundheitsorganisation vertritt seit 2023 die Auffassung, dass es keine gesundheitlich unbedenkliche Menge Alkohol gibt. Neuere Untersuchungen, die genetische Unterschiede statt Selbstauskunft nutzen, finden den Schutzeffekt der J-Kurve größtenteils nicht.
Ein zentraler Kritikpunkt an den Beobachtungsstudien ist der sogenannte Sick-Quitter-Effekt: In der Gruppe der Abstinenzler sind häufig Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen aufgehört haben. Dass moderate Trinker gesundheitlich besser dastehen als diese Gruppe, sagt dann wenig über den Alkohol aus.
Auffallend ist: Catena widerspricht dem nicht wirklich. Sie spricht von einer neutralen Wirkung bei maßvollem Genuss, nicht von einem Gesundheitsnutzen. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied – und er geht in der öffentlichen Debatte meist unter.
Warum wir das trotzdem aufgreifen
Weil die ehrlichste Position in dieser Diskussion nicht „Wein ist gesund“ lautet und auch nicht „Wein ist Gift wie jedes andere“, sondern: Es ist ein Genussmittel mit Risiken, über das man erwachsen reden kann.
Unsere Haltung dazu ist schlicht. Wer bei kleinen Winzern kauft, trinkt in aller Regel weniger und bewusster – weil eine handwerklich erzeugte Flasche zum Essen geöffnet und geteilt wird, nicht nebenbei geleert. Das ist kein Gesundheitsargument, sondern eine Beobachtung über Konsumverhalten.
Und wer feststellt, dass Alkohol im eigenen Leben ein Problem geworden ist, sollte sich Unterstützung holen. In Deutschland ist die Sucht & Drogen Hotline unter 01806 313031 erreichbar, kostenlose Beratung bietet auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter 0800 1372700.
Der Termin
Catena diskutiert das Thema beim Weinberg Arlberg vom 4. bis 13. Dezember 2026 in Lech am Arlberg – gemeinsam mit dem US-Weinjournalisten Eric Asimov und der Branchenanalystin Felicity Carter.
Häufige Fragen
Ist ein Glas Wein am Tag gesund?
Nach aktuellem Stand der Forschung lässt sich das nicht behaupten. Die WHO geht davon aus, dass es keine gesundheitlich unbedenkliche Alkoholmenge gibt. Auch Dr. Laura Catena spricht bei maßvollem Konsum von einer neutralen, nicht von einer förderlichen Wirkung.
Was ist die J-Kurve?
Eine Beobachtung aus Bevölkerungsstudien, wonach moderate Trinker statistisch länger leben als Abstinenzler und Vieltrinker. Der Effekt gilt als methodisch umstritten, unter anderem wegen des Sick-Quitter-Effekts und sozioökonomischer Unterschiede.
Ist Wein weniger schädlich als Spirituosen?
Laut Catena nicht das Getränk selbst ist entscheidend, sondern das Konsummuster – maßvoll und zu den Mahlzeiten. Zu viel Alkohol schadet unabhängig von der Art.
Wann und wo findet der Weinberg Arlberg 2026 statt?
Vom 4. bis 13. Dezember 2026 in Lech am Arlberg.
Dieser Beitrag gibt Aussagen aus einem Falstaff-Interview wieder und stellt sie in einen breiteren Zusammenhang. Er enthält keine gesundheitsbezogenen Angaben zu unseren Produkten und ersetzt keine ärztliche Beratung.